Wer war Franz Xaver Kerschensteiner?

Der Schöpfer dieser Meisterwerke war Franz Xaver Kerschensteiner. Er wurde am 7. Mai 1839 in Parsberg in der Oberpfalz geboren. Er besuchte die Volksschule und anschließend vier Jahre die Lateinschule des königl. Studien- und Musikseminars St. Emmeram, Regensburg. Im Alter von 16 Jahren trat er beim Geigenmacher Petrus Schulz (17.7.1808 -2.4.1871) in die Lehre ein. Der äußerst begabte und fähige Schulz wiederum war Schüler von Joseph Fischer, dessen seit 1790 bestehende Werkstatt er nach Wanderjahren bis nach Holland 1834 übernahm. Kerschensteiner lernte vier Jahre bei Schulz. Anschließend ging er, wie damals üblich, auf Wanderschaft und arbeitete in München bei Tiefenbrunner und Echinger, in Linz bei Strotzinger, in Wien bei Bittner und in Würzburg bei Meindl.

Am 18. Juli 1865 suchte er beim Magistrat der Stadt Regensburg um »Aufnahme als Schutzverwandter sowie um die Bewilligung zur Verehelichung mit der Bürgers- und Instrumentenbauerstochter Euphrosina Schulz« nach. Er wurde Teilhaber im Geschäft Schulz und am 4. März 1870 Bürger von Regensburg. Kerschensteiner erhielt alle Auszeichnungen, die ein deutscher Geigenbauer erhalten konnte. Er war Stadtverordneter, Magistratsrat und Abgeordneter der Stadt Regensburg im oberpfälzischen Landrat. Er durfte sich Königl.-Bayer. Hoflieferant nennen. Er starb am 22. Dezember 1915. Aus der Ehe mit der Euphrosina Schulz ging ein Sohn hervor: Franz Seraph Peter Kerschensteiner. geboren am 9. November 1869. Er besuchte die Oberrealschule, studierte Musik, lernte bei Karl Reinecke und seinem Vater den Geigenbau und war seit 1910 Teilhaber im Geschäft seines Vaters. Franz Kerschensteiner starb am 2. Februar 1935 in Berlin. Durch Einheirat änderte sich der Familienname auf Weidlich; die Produktion verlagerte sich vom Instrumentenbau auf Schreinerei.

Um 1880 regte der Londoner Zithervirtuose Curt Schulz den Zitherfabrikanten Schunda an, ihm eine Zither nach seinen Vorstellungen zu bauen. Das Instrument hatte in etwa Mittenwalder Form, man gab ihm den Namen »Arion-Zither«, benannt nach dem griechischen Musikanten und Dichter Arion der ca. 620 v. Chr. in Korinth und auf Sizilien lebte. Auch Kerschensteiner, der »ein begeisterter Jünger seiner Kunst war und stets bemüht war sich zu verbessern«, griff die Idee des Curt Schulz auf und entwickelte die Arion-Zither zu ihrem jetzigen Stand weiter. Jede Kerschensteiner-Arion- und Harfenzither hat am Boden das Firmenemblem und die Fabrikationsnummer eingebrannt. Diese Nummen sind fortlaufend und bergen keine Verschlüsselung in sich. Die Zitherdecken waren echt Palisander oder Ahorn auf Palisander gebeizt furniert, die Zarge in der Regel schwarz. Leider haben von den ca. 5500 gebauten Klavierbodenzithern durch die Einwirkungen zweier Weltkriege nur wenige überlebt.

Kerschensteiner fertigte Geigen. Violen, Celli, Lauten, Streichmelodions, Schoßgeigen, Zithern, Gitarren und Bassgitarren. Auch eine Saitenspinnerei war eingerichtet. Seine Zithern wurden auf der ganzen Welt gespielt, wie die vielen Dank- und Anerkennungsschreiben in seinem Katalog von 1908 zeigen.
Mir liegen Entwürfe des fürstl. Thurn und Taxis'schen Oberbaurates Max Schulze über Zithern im Rennaisance- und Rokokostil in Ebenholz, echt Elfenbein und Silber vor; Meisterwerke der Instrumentenbaukunst. Leider ist mir kein solches Instrument im Original bekannt. In meiner Tätigkeit als Zitherbauer durfte ich schon einige dieser ehrwürdigen Instrumente in Händen halten. Alle waren in hervorragendem technischen Zustand, einschließlich der ältesten mir bekannten von 1887, die noch laufend gespielt wird. Daran lässt sich erkennen, welch hohen Qualitätsstandard Kerschensteiner damals schon hatte. Er war ein Meister seines Faches.

Quelle: Freiherr von Luitgendorff "Die Geigenmacher"